Gespräch mit Professor Zentek zum Thema exokrine Pankreasinsuffizienz

Erkrankungen des Verdauungstrakts der Fleischfresser

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Heute: die chronische   Schwäche der Bauchspeicheldrüse, auch als exokrine   Pankreasinsuffizienz   bekannt, unter besonderer Berücksichtigung der diätetischen Aspekte des Hundes.

Fotografie von Herrn Univ.-Prof. Dr. Jürgen Zentek

Die Ausführungen von Professor Dr. med. vet. Jürgen Zentek, Direktor des Instituts für Tierernährung   an der Freien Universität Berlin, werden Ihre Fragen zu dem auf unserer Seite viel gesuchten Thema "EPI des Hundes" (exokrine Pankreasinsuffizienz) mit Sicherheit beantworten.

Tierklinik  .de: Was bedeutet exokrine Pankreasinsuffizienz?
Prof.  Zentek:
Es handelt sich bei dieser Erkrankung   um eine komplexe Verdauungsstörung, bei der das Futter nur unzureichend verdaut wird. Um dies verstehen zu können, muss an dieser Stelle ein wenig auf die Funktionsweise der Bauchspeicheldrüse eingegangen werden.
Die Bauchspeicheldrüse besteht grob aus zwei Anteilen, die mit bloßem Auge nicht unterschieden werden können, das endokrine   und das exokrine Pankreas. Das endokrine Pankreas produziert Hormone und gibt diese in den Blutkreislauf des Hundes zur Steuerung des Blutzuckerspiegels ab. Das exokrine Pankreas hat eine zentrale Funktion für die Verdauungsprozesse des Hundes und sondert sein Produkt direkt in den Zwölffingerdarm des Hundes ab. Das Sekret   der Bauchspeicheldrüse enthält zahlreiche Enzyme  , die für die Verdauung von Eiweiß, Kohlenhydraten und insbesondere auch Fetten benötigt werden. Neben den für die Verdauungsfunktion essenziellen Enzymen hat das Sekret der Bauchspeicheldrüse die wichtige Funktion, den pH-Wert im Darm auf optimale Bereiche einzustellen, d.h. den sauren Mageninhalt zu neutralisieren. Die von der Bauchspeicheldrüse gebildeten Enzyme liegen im Gewebe   in Vorstufen vor und werden erst im Darm selber aktiviert. Dadurch wird das Organ vor Selbstverdauung geschützt.

Tierklinik.de: Was sind Anzeichen für eine chronische Insuffizienz der Bauchspeicheldrüse?
Prof.  Zentek:
Die Krankheit   verläuft zunächst schleichend mit Gewichtsverlust und Leistungsminderung, wobei das Haarkleid struppig aussieht. Dabei werden chronisch   wiederkehrende Durchfälle mit Blähungen vom Tierhalter beschrieben.
Bei dieser Erkrankung kommt es zu Heißhunger, wobei auch das Fressen von Kot (Koprophagie  ) nicht selten auftritt. Der Stuhl ist sehr fettig, von gelber bis fahlgrauer Farbe und breiartiger Konsistenz. Eine Störung der bakteriellen Flora des Dünndarms kann die Insuffizienz des exokrinen Pankreas verstärken, sodass massive Beschwerden wie hochgradiger Durchfall, Bauchkrämpfe und  häufiges Erbrechen die Folge sein können. Die Symptome   werden aber leider erst vom Tierhalter bemerkt, wenn etwa 90 % des exokrinen Drüsengewebes betroffen sind, da der Körper den Mangel in der Anfangsphase sehr effizient kompensieren kann.

Tierklinik.de: Wodurch kann die chronische Insuffizienz der Bauchspeicheldrüse ausgelöst werden?
Prof.  Zentek: In erster Linie sticht die genetische Prädisposition, die bei einigen Rassen recht ausgeprägt ist, ins Auge. Des Weiteren kann es durch Obstruktion oder mechanische Einengung des Ausführungsganges der Bauchspeicheldrüse zu einem Rückstau kommen und den Abfluss des Sekretes behindern. Dies führt zu einer Entzündung   der Bauchspeicheldrüse mit Durchblutungsstörung des zarten Gewebes, schließlich sterben die Drüsenzellen ab. Als mögliche Ursache kommen Narbenbildung im Zwölffingerdarm nach Entzündungsprozessen durch bakterielle oder virale Erkrankungen, Larvenwanderungen von Würmern und Tumore   infrage.

Tierklinik.de: Sie erwähnten, dass einige Rassen besonders häufig an der exokrinen Bauchspeicheldrüsenschwäche erkranken?
Prof.  Zentek: Ja, besonders gefährdet sind Schäferhunde. Dies liegt an einem genetischen Defekt, der vererbt wird und im Alter von 8 bis 24 Monaten auftritt. Seltener wird die exokrine Pankreasinsuffizienz bei Collies und beim Engl. Setter nachgewiesen. Das bedeutet, dass diese Rassen häufiger als Hunde anderer Rassen oder Mischlinge an einer sogenannten chronischen Insuffizienz der Bauchspeicheldrüse erkranken können.

Tierklinik.de: Kann eine akute   Phase der Bauchspeicheldrüsenentzündung in die chronische Form der Erkrankung übergehen?
Prof.  Zentek: Von der chronischen Erkrankung der Bauchspeicheldrüse ist die akute Entzündung (Pankreatitis  ) abzugrenzen. Akute   Entzündungen können auch wiederkehrend auftreten, wobei die Ursache häufig unklar bleibt. Manchmal besteht ein Zusammenhang zur Fütterung (extrem fettreiche Diäten) sowie zu anderen Stressfaktoren, zum Beispiel Operationen. Erkrankte Hunde zeigen sehr deutliche Anzeichen einer schmerzhaften Erkrankung im Bauchbereich, sie gehören unbedingt in die Hand eines Tierarztes. Bei hochgradigen Krankheitsbildern ist es erforderlich, diese Hunde vorübergehend auf spezielle Arten, zum Beispiel über eine Sonde oder über den Blutkreislauf (parenterale Ernährung  ), zu ernähren. Bei akuten Schüben empfiehlt es sich, für 2 - 3 Tage kein Futter zu verabreichen. Danach kann versucht werden, die Patienten mit hochverdaulicher Spezialnahrung zu versorgen. Diese muss fettarm sein, da es sich gezeigt hat, dass eine erhöhte Fettaufnahme den Entzündungssymptomen Vorschub leistet. Diese Patienten sollten auch nach überstandener akuter Phase sorgfältig ernährt und regelmäßig vom Tierarzt   kontrolliert werden.

Tierklinik.de: Wie kann eine chronische Pankreasinsuffizienz diagnostiziert werden?
Prof.  Zentek: Der diagnostische Standard ist die Bestimmung der Trypsin-ähnlichen Immunreaktion (TLI  ) im Serum des Blutes. Hierzu muss der Hund mindestens 12 Stunden fasten. Häufig können chronische Dünndarmentzündungen diesen Wert beeinflussen, sodass weitere Untersuchungen notwendig werden.  Das neuere Verfahren zur Diagnose   der chronischen Pankreasinsuffizienz ist die Bestimmung der Elastase   im Kot des Hundes. Der Test wird mit einer Spezifität von 93 % angegeben, ist aber relativ kostspielig für den Tierhalter. Weitere Blutuntersuchungen und Ultraschalluntersuchung   können für die Erstellung der Diagnose hilfreich sein. Eine bakteriologische Kotuntersuchung hilft, Keimverschiebungen und Dysbakteriosen zu diagnostizieren, die an einer Verschlimmerung der Krankheit beteiligt sein können.

Tierklinik.de: Was ist bei der Fütterung eines an der exokrinen Pankreasinsuffizienz erkrankten Hundes zu beachten?
Prof.  Zentek: Ist ein Hund an chronischer Insuffizienz der Bauchspeicheldrüse erkrankt, so ist es notwendig, die fehlenden Enzyme zu ersetzen. Dazu stehen in der Tierarztpraxis entsprechende Präparate zur Verfügung. Die Verdauungsfunktion normalisiert sich in der Regel schnell, die betroffenen Hunde nehmen deutlich an Gewicht zu und ihr klinisches Bild normalisiert sich zusehends. Die meisten Tiere können bei korrekter Behandlung  , die in der Regel aus der Ergänzung von Enzymen sowie der Verabreichung einer speziellen, leicht verdaulichen Diät besteht, bei sehr guter Lebensqualität und weitgehend unbeeinträchtigtem Wohlbefinden gehalten werden. Die Fütterung von Enzympräparaten und leicht verdaulichen Diäten muss für den Rest des Hundelebens fortgesetzt werden, wenn der Patient an der chronischen Insuffizienz der Bauchspeicheldrüse erkrankt ist.

Tierklinik.de: Kann man solch eine leicht verdauliche Diät für seinen Hund selbst zusammenstellen?
Prof.  Zentek: Das ist möglich, sollte aber vorher mit dem Tierarzt besprochen werden.

Tierklinik.de: Kann ich als Laie die genaue Futterzusammenstellung berechnen?
Prof.  Zentek: Es ist sicherlich ratsam,  dass eine individuell auf den erkrankten Hund abgestimmte Diät von einem Fachmann erstellt werden sollte. Sie können sich von unserem Institut für Tierernährung in Berlin einen individuellen Futterplan erstellen lassen. Bitte besuchen Sie auf tierklinik.de die Tierspezialistensuche, geben Sie für den Ort Berlin ein und wählen das Fachgebiet - 09 Tierfutter / Tiernahrung aus. Für den Spezialbereich wählen Sie bitte Tierspezialisten  . Ansonsten bieten auch die anderen veterinärmedizinischen Tierernährungsinstitute eine entsprechende Beratung an.

Tierklinik.de: Gibt es auch kommerzielle Diäten? Und wenn ja, worauf sollte man achten?
Prof.  Zentek: Ja, es gibt fettarme und leicht verdauliche Diätfuttermittel.

Tierklinik.de: Was sollte man seinem kranken Hund wenn möglich nicht füttern?
Prof.  Zentek: Vorsichtig sollte man mit fettreichen Futtermitteln sein, da diese von manchen Patienten sehr schlecht vertragen werden.
Grundsätzlich sollten dauerhaft fettarme Diäten angeboten werden, weiterhin ist darauf zu achten, dass die Hunde keine Essensreste bzw. Snacks aufnehmen, die manchmal einen sehr hohen Fettgehalt aufweisen können.

Tierklinik.de: Können zusätzliche unterstützende Maßnahmen ergriffen werden, die den erkrankten Hund bei der Bewältigung der Erkrankung unterstützen?
Prof.  Zentek: Neben der allgemeinen Diätetik   ist es notwendig, die Versorgung mit Zink, Vitamin B12 und mit fettlöslichen Vitaminen anzupassen. Vitamin B12 (Cobalamin) ist bei diesen Patienten häufig im Serum aufgrund des Ausfalls des pankreatischen intrinsischen Faktors reduziert. Es muss ggf. per Injektion durch den Tierarzt verabreicht werden.

Tierklinik.de: Professor Zentek, vielen Dank für das sehr aufschlussreiche Gespräch zu diesem sehr interessanten und wichtigen Thema.



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