Gespräch mit Frau Beuch-Ahrendt zum Thema „Anschaffung von Frettchen“

Frettchen auf der HandWer sich Haustiere anschaffen möchte, sollte sich im Klaren sein, dass es mehr bedeutet als ein paar Euro in die Hand zu nehmen, ins nächste Zoogeschäft zu rennen und sich dort ein nettes Tierchen auszusuchen. Nötige Fachkenntnisse sollten vorher vorhanden und die räumlichen Vorraussetzungen müssen gegeben sein.

 

 Tierklinik  .de:
Guten Tag, Frau Beuch-Ahrendt, Sie sind seit 15 Jahren als Tierärztin für den Zoofachhandel tätig und verfügen über ausgiebige Kenntnisse im Bereich der Haltung und der Pflege von Heimtieren. Außerdem leiten Sie Schulungen zum Sachkundenachweis nach Paragraph 11 des Tierschutzgesetzes. Dieser Paragraph regelt den Verkauf und die Präsentation von Tieren im Zoofachhandel. Es gibt z.B. Vorgaben für die Tieranlagen (Käfiggröße, Mindestbesatz, Einrichtung) und Anforderungen an die Sachkunde der Verkäufer/-innen.
Bei Streitfragen in den Bereichen Kaninchen/Nager, Ziervögel   und Reptilien   ist Ihr Urteil als Gutachterin von großer Bedeutung.
Heute möchten wir uns auf vielfachen Wunsch unserer Leser mit dem

Thema "Anschaffung von Frettchen" auseinandersetzen.

Tierklinik.de:
Sind Frettchen eigentlich als Heimtier für jedermann geeignet?

Beuch-Ahrendt:
Nein, durchaus nicht. Die Haltung von Frettchen sollte Spezialisten vorbehalten bleiben, die neben den räumlichen Voraussetzungen auch die nötigen Kenntnisse über die artgerechte Haltung dieser sehr aktiven und geselligen Tiere sicherstellen. Ansonsten folgen sowohl psychische   wie auch physische   Störungen bei diesen intelligenten Tieren.

Tierklinik.de:
Die steigende Entstehung von großen Zoo-Märkten bietet dem Endverbraucher inzwischen auch die Möglichkeit, diese possierlichen Tiere innerhalb des Angebotes eines solchen Marktes zu erstehen. Wie kann ich als Verbraucher eine korrekte Unterbringung dieser Tiere in einem Zoomarkt erkennen?

Beuch-Ahrendt:
Die Haltung von Frettchen im Zoofachhandel bereitet Probleme. Diese intelligenten und spielfreudigen Tiere benötigen vor allem sehr viel Platz, Auslauf und Zuwendung. Für eine vorübergehende Haltung im Zoofachhandel empfehlen wir für zwei Tiere eine Grundfläche von mindestens 2 qm und eine Höhe von mindestens 1 m (nachzulesen in der Checkliste der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz im Merkblatt 92 - TVT-Checkliste für Frettchen).

Tierklinik.de:
Frettchen wurden ursprünglich von Jägern zur Jagd eingesetzt, sind aber später in den Heimtiermarkt eingegliedert worden und haben schließlich
einige Haushalte erobert. Bringen diese Tiere, die ja eigentlich domestizierte Raubtiere sind, nicht eine erhebliche Unruhe in einen Zoofachhandel?

Beuch-Ahrendt:
Ja, es wird häufig die Tatsache vergessen, dass Frettchen zur Familie der Marder gehören. Auch wenn sie seit Langem domestiziert sind, sind und bleiben Frettchen Raubtiere! In ihr natürliches Beutespektrum passt alles, was standardmäßig in jeder normalen Tieranlage im Markt sitzt. Daraus resultiert, dass sich eine gemeinsame Präsentation von Frettchen und anderen im Zoofachhandel üblichen Tieren verbietet.
Die Trennung der verschiedenen Tierarten ist aber schon aus räumlichen Gründen in den meisten Zoofachhandlungen nicht möglich. Selbst wenn sie sich nicht sehen oder hören können, können sich die Tiere immer noch riechen! Dies führt zu einer unnötigen Erhöhung des Stresspegels aller Tiere und ist aus Tierschutzgründen nicht akzeptabel.

Tierklinik.de:
In welchem Alter findet die soziale Prägung der Frettchen auf den Menschen statt und können Tiere aus dem Zoofachhandel dann schwerer an die neuen Halter gewöhnt werden?

Beuch-Ahrendt:
Besonders in der Hauptphase der sozialen Prägung (zwischen 8. – 16. LW, dies ist genau der Zeitpunkt, in dem die Tiere zum Verkauf angeboten werden!) ist der intensive Kontakt zum Menschen äußerst  wichtig, um später das notwendige Handling mit den Tieren zu gewährleisten. Im Tagesgeschäft ist hierzu aber über das normale Maß, dass die tägliche Reinigung und die Versorgung der Tiere mit Wasser und Futter umfasst, keine Zeit. In keinem mir bekannten Markt gibt es Angestellte, die nur zur Beschäftigung mit den Tieren da sind.
Hauptaugenmerk im Zoofachhandel ist der Verkauf! Und auch der Käufer ist in der Regel eher jemand, der die zum Verkauf stehenden Tiere sieht und sie niedlich findet und sie deshalb für sich zu Hause erwerben möchte, ohne die nötigen Kenntnisse zu haben und die erforderlichen Voraussetzungen, die an die Haltung dieser Tiere gestellt werden erfüllen zu können. Durch die Präsentation werden also Begehrlichkeiten geweckt. Der normale Kunde des Zoofachhandels ist alles andere als ein Frettchenspezialist.

Tierklinik.de:
Wenn die Bevorratung für den Verkauf von Frettchen im Zoofachhandel so viele Probleme aufwirft, warum wird dann von behördlicher Seite keine striktere Kontrolle erhoben?

Beuch-Ahrendt:
Das Tierschutzgesetz fordert, für die Präsentation und den Verkauf von Wirbeltieren langjährige berufliche Kenntnisse mit der entsprechenden Tierart nachzuweisen. So spezialisiertes Verkaufspersonal wird aber im normalen Zoofachhandelsgeschäft kaum zu finden sein. Die übliche §11- Genehmigung bezieht sich in der Regel auf das Standardsortiment im Zoofachhandel, also in der Regel für Kaninchen und andere Kleinsäuger ist in keinem Fall ausreichend. Normalerweise werden Zoofachhandlungen bei der Neueröffnung kontrolliert (also wenn sie den Antrag auf Genehmigung zur Haltung, zur Präsentation und zum Verkauf von Tieren gestellt haben). Danach sollte mindestens einmal jährlich eine Kontrolle durch das zuständige Veterinäramt durchgeführt werden. Sollten Beschwerden beim Veterinäramt eingehen natürlich auch öfter.

Tierklinik.de:
Was muss ich als Tierhalter machen, damit ich Frettchen bei mir artgerecht halten kann?

Beuch-Ahrendt:
Um Frettchen auf Dauer (im Gegensatz zur vorübergehenden Haltung im Zoofach-markt) zu Hause artgerecht halten zu können, ist es erforderlich, ihnen ein genügend großes Gehege (für zwei Tiere sindmindestens 10 qm Grundfläche empfehlenswert) zur Verfügung zu stellen und mehrere Stunden täglich Auslauf zu gewähren. Dies ist in keiner normalen Wohnung möglich. Dazu kommt der starke Eigengeruch der Tiere, der eine Haltung in der Wohnung erschwert, wenn der Vermieter sie nicht komplett verbietet (hierzu gibt es einige Gerichtsurteile!). Eine Entfernung der Stinkdrüsen ist aber nach unserem Tierschutzgesetz (anders als in den USA) verboten!

Tierklinik.de:
Würde dann eine Haltung der Frettchen im Freien eine deutlich artgerechtere Lösung zur Unterbringung dieser Tiere darstellen?

Beuch-Ahrendt:
Eine Außenhaltung ist in jedem Fall angezeigt, auch um die Frettchen den wechselnden Licht- und Klimaverhältnissen der Jahreszeiten auszusetzen, damit sie sich regelmäßig fortpflanzen können. Können sie das nicht, beispielsweise bei Einzelhaltung oder Haltung von mehreren Fähen oder mehreren Rüden zusammen, ist bei beiden Geschlechtern mit Verhaltensstörungen zu rechnen.

Tierklinik.de:
Kommt es häufig bei Rüden zu aggressiven Verhalten?

Beuch-Ahrendt:
Der unkastrierte Rüde, der nicht regelmäßig decken kann, wird auf die Dauer mit heftigen Aggressionen reagieren und kann dann sowohl die Fähe als auch seinen zweibeinigen Besitzer beißen. Zur Verhinderung der Fortpflanzung und weil es der leichtere Eingriff ist, kann der Rüde kastriert werden.

Tierklinik.de:
Kann die Dauerbrunft oder Hyperöstrogenismus der Fähe zur Gebärmuttervereiterung (Pyometra  ) führen?

Beuch-Ahrendt:
Eine Fähe, die nicht gedeckt wird, kann Störungen im Hormonhaushalt entwickeln; diese können auch zu einer Gebärmuttervereiterung (Pyometra) führen (kriegen die wirklich eine Pyo??, entscheidend ist doch die Östrogenvergiftung, oder...?). aber noch gefährlicher zu einer lebensbedrohlichen sog. Dauerranz. Die hierbei ausgelöste Östrogenvergiftung führt nicht nur zu schwerwiegenden Veränderungen in der Blutbildung und im Knochenmark, sondern wird unweigerlich zum Tod des Tieres führen,
wenn nicht sofort eine Notkastration (Ovariohysterektomie  )
vorgenommen wird.
Eine Dauerranz ist in den meisten Fällen ein deutliches Anzeichen für nicht optimale Haltungsbedingungen!

Tierklinik.de:
Wäre eine vorzeitige Kastration   der Fähe auch möglich, damit dieses schwerwiegende Krankheitsbild verhindert werden kann?

Beuch-Ahrendt:
Um sie auch kastrieren zu können, bevor die Dauerranz auftritt, fehlt die gesetzliche Grundlage. §6 TierschutzG erlaubt die Kastration nur, wenn eine tiermedizinische Indikation   vorliegt (also z.B. bei krankhaft veränderten Fortpflanzungsorganen) bzw. zur Verhinderung unkontrollierter Fortpflanzung. Dieser Grund entfällt aber, wenn der Rüde schon kastriert ist. Eine prophylaktische Kastration ist nämlich nicht zulässig nach dem Tierschutzgesetz. D.h., erst wenn das Tier durch die nicht artgerechte Haltung krank geworden ist, darf der Tierarzt   eingreifen!
Mit anderen Worten, der Wunsch des Kunden nach „operativer Anpassung“ der Tiere an seine schlechten Haltungsbedingungen zu Hause bringt auch den Tierarzt in Bedrängnis, weil diese Operationen weder tierschutzgerecht noch ethisch vertretbar und manchmal sogar rundweg verboten sind.

Tierklinik.de:
Ihren Ausführungen zufolge ist die Haltung von Frettchen nicht für jedermann geeignet. Was würden Sie einer Familie mit kleinen Kindern raten, die sich für die Haltung eines Frettchens interessieren?

Beuch-Ahrendt:
Zum einen sollten Frettchen nicht als Einzeltiere gehalten werden! Die Familie mit kleinen Kindern sollte sich lieber bei der Anschaffung eines neuen Haustieres an Kaninchen oder Meerschweinchen halten, statt ein Frettchen auszuwählen. Wer übernimmt die Haftung, wenn das Kind vom Frettchen gebissen wird? Was passiert mit den Tieren, wenn nach kurzer Zeit festgestellt wird, dass das Frettchen doch nicht so niedlich ist wie der Name impliziert?

Tierklinik.de:
Wer kommt überhaupt für die Haltung von Frettchen infrage?

Beuch-Ahrendt:
Die Haltung dieser intelligenten Tiere sollte Spezialisten vorbehalten werden, die sie ihrer Art gemäß so halten können, dass sie keinen Schaden nehmen und/oder Leiden ausgesetzt sind. Um die Zahl der ausgesetzten oder im Tierheim entsorgten bzw. der verhaltensgestörten Tiere zu minimieren, sollte sich der Zoofachhandel nicht am Geschäft mit den Frettchen beteiligen!

Tierklinik.de:
Frau Beuch-Ahrendt, vielen Dank für das sehr aufschlussreiche Gespräch zur Anschaffung von Frettchen.

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