Gespräch mit Dr. Dr. Seeburg zum Thema EHEC-Alarm bei Hunden und Katzen!

Gespräch mit Dr. Dr. med. vet. Wolf-Rainer Seeburg, Leiter des Hamburger Tierspitals, zum Thema EHEC (Enterohaemorrhagische Escherichia coli)

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Heute das Gespräch mit Herrn Dr. Dr. Seeburg zum Thema EHEC-Alarm bei Hunden und Katzen!

Portrait Dr. Seeburg

Die Ausführungen von Dr. Dr. med. vet. Wolf-Rainer Seeburg, Klinikleiter des Hamburger Tierspitals, beantworten Fragen zum Thema EHEC  Keime (Enterohaemorrhagische Escherichia coli) bei Hunden und Katzen.


 

tierklinik.de: Wofür steht die Bezeichnung EHEC?
Dr. Dr. Seeburg: EHEC ist die Abkürzung für enterohaemorrhagische Escherichia coli Bakterien  . Es handelt sich hierbei um einen besonderen Stamm, eine Mutation   der normalen „guten“ Darmbakterien, die sonst eine wichtige Rolle in der normalen Verdauung spielen. Die EHEC-Bakterien sind in der Lage, Giftstoffe zu bilden, die Blutzellen und Gefäßwände zerstören. Dies führt zu blutigem Durchfall. Des Weiteren können von diesen Bakterien Giftstoffe gebildet werden. Ablagerungen aus den zerstörten Blutzellen, die mit Giftstoffen belastet sind, können zum Nierenversagen führen.

tierklinik.de: Wenn ein Tier blutigen Durchfall zeigt, muss in diesem Fall mit einer Infektion   durch EHEC-Erreger   gerechnet werden?
Dr. Dr. Seeburg: Gott sei Dank kommt das selten vor!
Durchfälle können bei unseren Haustieren durch vielfältige Krankheitserreger   ausgelöst werden. Der Durchfall stellt keine Krankheit   dar, sondern nur ein Symptom  , das auf eine Erkrankung   im Darm des Tieres aufmerksam macht. Beispielsweise kann durch die Ausscheidungen der Bakterien die Darmwand gereizt werden und sich entzünden. Der Darm reagiert, indem er die Passage des Futterbreis beschleunigt und sich so zu reinigen versucht. Ist die Entzündung   der Darmwand sehr heftig, kommt es zu Blutungen, so dass Kot mit Blutbeimengungen ausgeschieden wird. Der Tierhalter beobachtet Blut im Kot oder blutigen Durchfall.

tierklinik.de: Welche Keime - außer EHEC-Bakterien - können noch zu blutigem Kot oder Durchfall führen?
Dr. Dr. Seeburg: Die Keime sind vielfältig. Infrage kommen Parasiten  , wie beispielsweise Giardien und Kokzidien. Aus der Gruppe der Viren   ist vor allem das Parvovirus zu erwähnen, das schwere blutige Durchfälle bei Hunden und Katzen verursacht, aber auch Rotaviren können bei diesen Tieren sowie beim Menschen zu Durchfällen führen. Auch einige andere Darmbakterien bilden Giftstoffe, z. B. EIEC – Enteroinvasive E. coli, Salmonellen, Yersinien etc. Dies sind nur wenige von vielen, die hier genannt werden. 
In den meisten Fällen handelt es sich um verhältnismäßig harmlose Keime, die vom Tierarzt   gut kontrollierbar sind und somit kann die Darmerkrankung geheilt werden!

tierklinik.de: Häufen sich zurzeit Durchfallerkrankungen bei Hunden und Katzen, die vermehrt Blutbeimengungen im Kot enthalten und den Tierhalter in Angst und Schrecken versetzen?
Dr. Dr. Seeburg: Aus unserer Klinik   kann ich berichten, dass wir gelegentlich auch EHEC-Stämme bei Hunden und Katzen nachweisen, die aber in den meisten Fällen harmlos sind. Sie gehören nicht dem Serotyp E. coli H157:O7 oder  E. coli O104:H4 an. Diese Stämme sind verantwortlich für das schwere hämolytisch  -urämische Syndrom beim Menschen, das auch beim Tier auftreten kann. Aus diesem Grund testen wir in unserem Labor alle EHEC-Bakterien vom Serotyp H157:O7, ob diese enterohämolysierende Giftstoffe bilden. Leider ist bei dem neuen Keim E. coli O104:H4 der Nachweis der Toxine   nur über einen Gentest möglich. Bei schweren blutigen Durchfallerkrankungen bei unseren Haustieren muss dann erwogen werden, ob der Einsatz von Antibiotika   sinnvoll ist und welches Medikament   wirksam gegen das Bakterium   ist.

tierklinik.de: Sie sagten, dass Antibiotika eingesetzt werden können. In der Presse hieß es zunächst, dass mit Antibiotika behandelt werden kann, dann aber wurde gesagt, dass keine Antibiotika eingesetzt werden sollten. Wie verhält es sich mit der Behandlung  ?
Dr. Dr. Seeburg: Das Problem ist, dass der Einsatz von Antibiotika zur Ausschüttung der Giftstoffe durch die Bakterien führen kann. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Bakterien, die zu den Coliformen gehören, die keine Toxine absondern. Selbst unter den EHEC-Bakterien gibt es zahlreiche Keime, die nicht in der Lage sind, Giftstoffe zu produzieren und die nicht zum Nierenversagen führen. Unter den coliformen Keimen werden von einer ganzen Reihe Bakterien Giftstoffe gebildet, die zu deutlichen Schäden für den Organismus   des Wirtes führen können, ohne dabei das schwere hämolytisch-urämische Syndrom auszulösen. Im Labor kann auf Giftstoffe getestet und eine Resistenzbestimmung des Erregers durchgeführt werden. Damit ist eine sinnvolle und gezielte Behandlung durch den Tierarzt möglich.

tierklinik.de: Wie können sich Hunde und Katzen mit dem EHEC-Erreger anstecken?
Dr. Dr. Seeburg: Wie bereits erwähnt, weisen wir verhältnismäßig selten enterohaemolysierende Colibakterien   bei Hunden und Katzen nach. Da der Infektionsweg beim Menschen nicht feststeht, kann beim Tier auch nur spekuliert werden. Sicherlich muss vor der Verfütterung von leicht verderblichen Lebensmitteln, wie rohem Fleisch und Gemüse, gewarnt werden. Diese Praxis ist bei Tierhaltern üblich, die ihre Hunde BARFen (biologisch artgerechte Rohfleischfütterung). Hunde und Katzen, die sich frei in der Natur bewegen, treten leicht mit einer Vielzahl von Stoffen in Kontakt. Dies kann von menschlichen Exkrementen über sorglos weggeworfene Lebensmittel bis hin zu verwesenden Tieren gehen. So wird die Kontaktaufnahme mit dem Erreger ermöglicht. Auch durch Belecken des Erdbodens oder Putzen der Pfoten kann der Keim verschluckt werden. Die häufigste Infektionsquelle ist die Aufnahme von Material, das durch Kot von erkrankten Tieren oder Menschen verschmutzt wurde.

tierklinik.de: Wie kann ich als Tierhalter erkennen, ob mein Tier an einer Infektion mit dem EHEC-Erreger leidet?
Dr. Dr. Seeburg: Das dürfte sehr schwer fallen. Jedoch ist eine fiebrige Erkrankung mit heftigen, blutigen Durchfällen und Erbrechen verdächtig, und das Tier sollte auf jeden Fall dem Tierarzt vorgestellt werden. Über eine Kotuntersuchung kann in den meisten Fällen innerhalb von 48 Stunden ein vorläufiger Erregernachweis erbracht werden.

tierklinik.de: Was kann ich als Tierhalter bei einer Durchfallerkrankung tun, um meinem Tier zu helfen?
Dr. Dr. Seeburg: Zunächst müssen Sie den Schweregrad der Erkrankung beurteilen und einschätzen, ob Ihr Tier Schmerzen durch Bauchkrämpfe hat. Dann sollten Sie die innere Körpertemperatur messen, die zwischen 38°C und 39,5°C bei Hund und Katze liegen sollte. Ist die Temperatur niedriger, kann das auf die Freisetzung von Giftstoffen hinweisen. Bei Fieber über 39,5°C sollte der Tierarzt zu Rat gezogen werden. Als Nächstes sollten Sie den Kreislauf überprüfen. Heben Sie hierzu die Lefze an und drücken Sie auf das Zahnfleisch über dem Eckzahn. Es sollte sich in weniger als zwei Sekunden wieder mit Blut füllen und rosa werden, ansonsten muss der Tierarzt aufgesucht werden. Danach sollten Sie überprüfen, ob das Tier schon Anzeichen der Austrocknung aufweist. Hierzu ziehen Sie im Nackenbereich die Haut hoch, so dass sich eine Hautfalte bildet. Nachdem Sie die Haut losgelassen haben, sollte die Falte sofort verschwinden und die Haut sich wieder glätten. Bleibt die Hautfalte bestehen, müssen Sie sofort zum Tierarzt. Sollte Ihr Tier zur Durchfallerkrankung auch Erbrechen zeigen, ist es ratsam, die Behandlung durch den Tierarzt durchführen zu lassen. 
Nachdem diese wichtigen Punkte von Ihnen überprüft wurden, ist anzuraten, das Tier über einen Zeitraum von 24 Stunden dem vollständigen Futterentzug zu unterziehen. Trinkwasser kann als stilles Mineralwasser oder abgekochtes Leitungswasser verabreicht werden. Es kann etwas Traubenzucker und eine Messerspitze Kochsalz zugesetzt werden. Das Trinkwasser sollte mehrmals täglich erneuert werden, da durch Bakterien, die im Speichel enthalten sind, ein mit Nährstoffen angereichertes Wasser leichter verderben und so den Patienten noch weiter schwächen kann. Im Anschluss an die 24-stündige Futterkarenz kann der Patient mit kleinen Portionen eines leicht verdaulichen Futters versorgt werden. Hierfür eignet sich Reis mit gekochtem Hühnerfleisch oder gekochte Kartoffeln mit Hüttenkäse. Die Fütterung sollte mehrmals täglich in kleinen Portionen erfolgen. Besteht die Durchfallerkrankung weiter, muss der Tierarzt aufgesucht werden, da es bei anhaltenden Durchfällen zur Austrocknung des Tieres kommen kann. Auch die Darmschleimhaut und die Darmzotten könnten nachhaltig geschädigt werden, was zu chronischen Darmerkrankungen führen kann. Welpen und alte Tiere stellen besonders gefährdete Patienten dar und sollten besser beim Tierarzt vorgestellt werden.

tierklinik.de: Dr. Seeburg, vielen Dank für das sehr aufschlussreiche Gespräch zu diesem brandaktuellen Thema.

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