Enzephalitozoonose

Allgemein | Erreger   | Zyklus   | Klinik   | Diagnose   | Therapie   | Prävention  

Allgemeines

Sporozoen sind einzellige, mikroskopisch kleine Organismen, die zu den > Protozoen   gehören. Sie befallen die Zellen eines Wirtes, in denen sie sich fortpflanzen. Beim Kaninchen wird durch das Sporozoon Encephalitozoon cuniculi die Enzephalitozoonose des Tieres verursacht; diese wird im Volksmund auch als Drehkrankheit der Kaninchen bezeichnet. Die Erkrankung   ist weltweit verbreitet, wobei sowohl wildlebende Kaninchen als auch Zucht- und Hauskaninchen zu mindesten 50% mit dem Erreger durchseucht sind. Ist ein Tier zum Beispiel an > Kaninchenschnupfen erkrankt (Erreger: Pasteurella   multocida), kann dies den Ausbruch der Drehkrankheit auslösen. Kommen andere Nager, wie beispielsweise Ratten, Mäuse, Meerschweinchen etc., mit Futter in Kontakt, das durch den Urin infizierter Kaninchen verunreinigt wurde, können sich diese darüber infizieren. Eine Ansteckung von Vögeln ist nicht bekannt, sie können jedoch zur Ausbreitung der Erreger beitragen.
Die Infektion   vom Tier auf den Menschen ist eher selten. Sie spielt aber eine wichtige Rolle für Menschen mit abgeschwächtem Immunsystem. Als Beispiel wären Transplantationspatienten, die ein Fremdorgan erhalten haben, und Personen, die mit dem HIV-Virus   infiziert sind, zu nennen.

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Erreger

Encephalitozoon GrafikEncephalitozoon Mikrophoto

1.- Kern
2.- Polkappe
3.- Polarfilament
4.- Poroplast

3 +4. Extrusions-
Apparat

 


 

Encephalitozoon SporenDiese einzelligen Lebewesen wurden bislang dem Tierreich der Protozoen zugeordnet. Nach neusten Erkenntnissen besteht jedoch die Überlegung, sie in die Ordnung der Pilze   einzugliedern. Ihr derzeitiger Stamm oder Phylum sind die Apikomplexa, da sie über die Ausbildung   einer Polkappe verfügen. Ihre Überlebensstrategie ist die Bildung von Sporen  . Wegen ihrer sehr kleinen Größe von 1-3 µm werden sie den Mikrosporidiae zugeordnet.

 

Zu diesen Sporozoen werden unter anderem auch > Kokzidien, > Toxoplasmen, Hepatozoen und das Plasmodium gezählt. Encephalitozoon cuniculi befällt vor allem Nagetiere, kann aber auch Säugetiere und den Menschen befallen. Der Erreger hat eine doppelwandige Kapsel, die aus der Außenhülle, der Exospore, und einer chitinhaltigen Innenschicht, der Endospore, besteht. Danach folgt die Zellmembran   mit dem Zytoplasma  , in dessen Zentrum ein echter Zellkern vorzufinden ist. Bei der Infektion wird das Polarfilament (3 µm lang) mit einem Druck von 60 Atmosphären in die Wirtszelle geschleudert und der gesamte Inhalt einschließlich Zellkern injiziert.

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Zyklus

Encephalitozoon Zyklus
Die Aufnahme der Sporen durch den Wirt erfolgt meist oral. Auch die aerogene Infektion durch Einatmen der Sporen ist möglich sowie die direkte Infektion am Auge. Nach oraler Aufnahme verteilen sich diese im Darm des Organismus  . Hier wird durch das alkalische Milieu und die osmotische Veränderungen der Polschlauch in die Darmzelle geschleudert. In einer Vakuole   bildet sich aus zwei oder mehreren Zellteilungen der Meront (auch Schizont genannt). Dieser bildet Sporonten, die Sporenketten bilden, bis die Zelle   platzt. Die freigesetzten, jetzt weiterentwickelten sogenannten Sporoblasten werden mit dem Blutstrom und der Lymphe   zu geeigneten Zellen (Niere, Leber, Lunge) getragen. Nach dem Reifungsprozess zur Spore   können diese Organzellen mit Hilfe des Polschlauchs infiziert werden. Dort findet erneut eine Vervielfältigung durch Zellteilung in den Meronten statt. Die Vielzahl von Tochterzellen entwickelt sich zu Sporonten, die durch Sprossbildung kettenförmige Gebilde, ähnlich denen der Bakterien  , ausbilden. Die Glieder der Kette zerbrechen in Sporoblasten und zerstören die Wirtszelle beim Ausbrechen. Die resistenten Sporen können dann mit dem Harn oder Kot ausgeschieden werden, um beispielsweise eine Ratte zu infizieren oder innerhalb des Wirtes eine neue Zelle zu befallen. Bei einer massiven Vermehrung und einem schwachen Abwehrsystem kann die Hirnschranke überwunden und auch das Gehirn   infiziert werden. Eine Erregerausscheidung findet nach 30 Tagen post infectionem statt. Der gesamte Zyklus kann nach 100 Tagen die Sporenausscheidung einstellen.

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Klinik

Der Erreger kann lange Zeit unbemerkt im Tier verweilen, ohne dabei klinische Symptome   auszulösen. Diese hängen von der Lokalisation, der Gewebezerstörung und deren Ausmaß ab.

Erfolgt ein milder Krankheitsverlauf mit Encephalitozoon cuniculi, werden in den seltensten Fällen Symptome beobachtet. Der Erreger erreicht seinen Wirt, indem dieser die Sporen verschluckt. Die Vervielfältigung im Darm findet in der Regel ziemlich massiv statt, kann dann aber durch Antikörper   des Abwehrsystems geblockt werden, so dass eine Ausbreitung in andere Organe verhindert werden kann. Nach neueren Untersuchungen wurden 74 Prozent der in deutschen Haushalten gehaltenen Kaninchen serologisch positiv auf Encephalitozoon cuniculi getestet, ohne dass dabei Krankheitssymptome nachzuweisen waren.
Bei schwereren Erkrankungen wird die Vervielfältigung der Encephalitozoon cuniculi im Darm nicht gestoppt. Es kommt zur massiven Merogonie und Sporogonie in der Niere, Leber und Lunge des Wirtes. Nachdem ausreichend Gewebe   zerstört wurde, kommt es zu Nierenschädigungen mit Stoffwechselstörungen, Blutarmut und Veränderungen im Salzhaushalt. Dies kann zu einer Osteodystrophie (Knochenschwund) führen, die ursächlich für Knochenbrüche ist.

Encephalitozoon KaninchenBei schweren Erkrankungen wird das Gehirn vom Erreger befallen, und es treten Symptome auf, wie zum Beispiel Ataxie (Koordinationsstörungen des Bewegungsapparates), Kopfschiefhaltung (Torticollis), Lähmungserscheinungen (Parese, vor allem der Nachhand), Augenzittern (Nystagmus), verzögerte Reflexe der Pupillen und krampfartige Anfälle mit Überstreckung des Kopfes. Tiere mit neurologischen Symptomen waren nur zu 50% serologisch positiv, das heißt, sie hatten keine Infektion mit Encephalitozoon cuniculi. Als Ursache können eine ganze Reihe von Infektionen   infrage kommen, die durch andere Erreger ausgelöst werden. So können beispielsweise Toxoplasma gondii, bakterielle Infektionen des Mittel- und Innenohres, Infektionen des Gehirns oder ein schwerwiegender Befall mit der Ohrräude, verursacht durch Psoroptes cuniculi, als weitere Ursachen in Betracht gezogen werden.

Encephalitozoon Auge 1Infektionen am Auge sind eher selten. Dabei kommt es in den meisten Fällen zu einer phakoklastischen Uveitis-Entzündung   der Regenbogenhaut (Iris), des Ziliarkörpers und der Aderhaut (Chorioidea), wobei gleichzeitig die Linse zerstört wird. Des Weiteren eine Iritis-Entzündung der Regenbogenhaut. Keratokonjunktivitis-Entzündung der Hornhaut und der Bindehäute mit Korneaödem-Hornhautschwellung treten bei dieser Erkrankung kaum auf.

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Diagnose

Encephalitozoon Immunfluoreszenz

Die Diagnose kann teilweise in der tierärztlichen Praxis durchgeführt werden.


 

  1. Klinische Symptome, besonders die des Nervensystems.
  2. Evtl. Röntgenuntersuchungen des Schädels auf Mittelohrentzündungen und der Wirbelsäule auf mögliche Frakturen (Knochenbrüche).
  3. Serologische Untersuchungen, wie der Tusche Test (India-Ink Immunoreaktion), und indirekte Immunfluoreszenz, siehe Abbildung.
  4. Sporennachweis im Urin.
  5. Blutuntersuchung, Blutbild, Nieren- und Leber-Werte sowie Elektrolyt-Werte.

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Therapie

Die Therapie wird vom behandelnden Tierarzt   entschieden und über einen Zeitraum von 1-3 Wochen durchgeführt. Hierfür können die nachfolgenden Medikamente   zum Einsatz kommen:

  • Oxytetracyclin
  • Dexamethason
  • Vitamin B-Komplex
  • Elektrolyt-Infusion
  • Fenbendazol

Bei Störungen im zentralen Nervensystem kann die Behandlung   oft scheitern. Es kann auch zunächst eine Besserung auftreten, worauf dann im Anschluss eine Verschlechterung folgt, die mit dem Tod des Patienten endet.

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Prävention

Aufgrund der hohen Durchseuchungszahlen mit Encephalitozoon cuniculi stellt sich die Vorbeugung schwierig dar. Sicherlich ist eine prophylaktische Behandlung von Jungkaninchen mir Fenbendazol zweckmäßig, jedoch sollten vor allem in Kaninchenbeständen infizierte, also serologisch positive Tiere, eliminiert werden.

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