Gaumensegelkürzen in der Kleintierpraxis

Der Mops „Willi“ regt sich schnell auf, bekommt dann schlecht Luft und atmet schwer. Besonders während der Nacht schläft „Willi“ sehr unruhig und macht laute Atemgeräusche, sodass auch sein Frauchen in ihrer Nachtruhe gestört wird.

Tierarzt   Mustermann diagnostiziert ein zu langes Gaumensegel. Er bietet die Operation in seinem Kostenvoranschlag für rund € 150 zzgl. Mehrwehrsteuer wie folgt an.

Untersuchung des Rüden      € 10,74
Injektionsnarkose      € 15,34
Narkose   Medikamente        €   9,43
Venenkatheter einlegen      € 12,27
Material Butterfly      €   0,32
Gaumensegel kürzen      € 92,12
Injektion      €   4,60
Medikament   Antibiotikum        €    0,31
Untersuchungshandschuhe      €    0,12
Einweg Kunststoffschürze      €    0,05
Einweg Nierenschale (Pappe)      €    0,15
Einweg Abdeckfolie Patient      €    0,30
Einweg Abdecktuch Tisch steril          €    1,25
Tupfer Gaze steril 10 Stk.      €    1,45
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       € 148,45
                        19% MWSt.:      €   28,21
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       € 176,66

 

Tierarzt Mustermann führt zunächst eine klinische Untersuchung von Willi durch. Er schaut in den Rachen, stellt fest, dass dieser sehr verschleimt ist und meint, durch das zu lange Gaumensegel sammelt sich Schleim im Rachen des Hundes. Dann wird das Herz abgehorcht, der Tierarzt meint ja, dass er ein gutes und kräftiges Herz hat, und schon kann die Operation beginnen. Bei dieser Untersuchung konnten natürlich nicht die Verhältnisse der Atemwege und die Herzsituation berücksichtigt werden.

Der Venenzugang erfolgt über ein Butterfly, die Nadel ist starr und nicht dazu bestimmt, längere Zeit in der Vene   zu verbleiben. Sollte der Venenzugang während der Lagerung des Patienten zur OP verrutschen, durchbohrt die Kanüle die Venenwand und der sich bildende Bluterguss   verhindert die weitere Nutzung dieser Vene während der Chirurgie  .

Zur Narkose vom Willi nutzt Tierarzt Mustermann eine Injektionsnarkose. Diese ist preisgünstig und für den kurzen Eingriff seiner Meinung nach vollkommen ausreichend. Sollte es zu heftigen Blutungen kommen, sind die Atemwege offen für einströmendes Blut. Da der Patient keine Sauerstoffbeatmung und keine Narkoseüberwachung erhält, ist das Narkoserisiko für Willi sehr hoch.

Willi schläft nun, Tierarzt Mustermann kann jetzt mit der Operation beginnen. Mit einer Greifzange wird das Gaumensegel gehalten und im Anschluss mit einer Schere gekürzt. Der Rachenraum ist sehr eng; damit das Gaumensegel erreicht werden kann, muss die Schere in einer verkanteten Position gehalten werden. Die Schnittführung ist sehr ungenau und das Gewebe   wird durch die Schere stark gequetscht, was zu Wundheilungsstörungen und zur starken Schwellung des Gewebes führen kann. Nach dem Abschneiden des überschüssigen Gewebes bluten die Wundränder, aber Tierarzt Mustermann weiß sich auch hier zu helfen. Mit einem Lötkolben werden die lästigen Bluter schnell verschlossen, und damit ist die Operation schon nach drei Minuten beendet.

Durch den Lötkolben entstehen Verbrennungen dritten Grades im Wundgebiet, und auch das umliegende Gewebe stirbt ab und wird abgestoßen. Die Heilung ist recht langsam, und Willi hat über mehrere Tage Schmerzen und ein stark geschwollenes Gaumensegel, das zu großen Schluckstörungen führt. Im schlimmsten Fall beginnt das Gewebe zu eitern, was zu einer Bronchitis oder gar Lungenentzündung führen kann.

Nach der Operation erhält der Willi noch schnell ein Antibiotikum, und dann ab in den Käfig zum Aufwachen. Nun muss sich Tierarzt Mustermann aber eilen, denn zwei Katzen und eine Hündin warten schon auf ihre operativen Eingriffe in der Praxis.

Besonders die Aufwachphase sollte streng überwacht werden, da Nachblutungen und Schwellungen im Rachenbereich zu unerwarteter Atemnot führen können. Die kurzschnauzigen Rassen können einen Gendefekt aufweisen, der zur malignen Hyperthermie führt. Wird diese nicht rechtzeitig erkannt, kommt es zum Tod des Patienten. Auch Atemwegsverlegungen oder Kreislaufprobleme des Patienten werden so nicht rechtzeitig entdeckt.


Somit scheint das Überleben von Willi Glückssache zu sein!

Tierarzt Musterman in seinem Operationsraum benutzt er ein Narkoseapparat.

 

* Die Abbildung ist fiktiv. Die Rolle des Tierarztes wird durch einen Schauspieler übernommen, und der Hund ist nicht am Leben.

Tierarzt Mustermann verfügt natürlich auch über die Möglichkeit, eine Inhalationsnarkose zu fahren. Hierzu nutzt er einen einfachen Narkoseapparat, den „Komesaroff“. Dieses Gerät zeichnet sich durch seinen geringen Verbrauch an Sauerstoff und Narkosemittel aus. Für die Überwachung der Patienten während längerer Operationen nutzt Tierarzt Mustermann ein Pulsoximeter. So kann seine Gattin beruhigt über Mittag die Einkäufe erledigen.

Vergleichen Sie ruhig diese Behandlung   mit der kostenintensiveren Variante in einer Kleintierklinik und entscheiden Sie dann, wenn gewünscht, für billig!